Für Geistliche und Fürsten

Mit dem herzoglich angeordneten Aufbau und Einzug eines Collegium Candidatorum Ministerii in das Kloster Riddagshbestandausen (1690), aus dem das spätere Predigerseminar hervorgegangen ist, begann auch der kontinuierliche Aufbau einer zugehörigen Bibliothek. Den Grundstock dazu bildeten 384 Bände der alten Klosterbibliothek, die die teilweise recht widrigen geschichtlichen Ereignisse seit der Entstehung des Klosters überdauert hatten. Das Zisterzienserkloster Riddagshausen wurde 1145 gegründet. Über den Bestand der frühen Klosterbibliothek gibt es keine gesicherten Kenntnisse. Erst für das Jahr 1370 ist überliefert, dass der Mönch Johannes Oldendorf Bibliothekar in Riddagshausen war. In den darauf folgenden hundert Jahren muss der Bestand dermaßen angewachsen sein, dass 1488 unter Abt Ebert ein eigenes Bibliotheksgebäude errichtet wurde. In der Mitte des 16. Jahrhunderts wurden das Kloster und die Bibliothek mehrmals bei konfessionellen Auseinandersetzungen (Schmalkaldischer Krieg) zwischen den Bürgern der Stadt Braunschweig und dem Herzog geplündert und verwüstet. Nach der Reformation wurde das Kloster zunächst in eine Lateinschule umgewandelt. Die unter Abt Lorbeer neu eingerichtete Bibliothek, die von Abt Windruve noch vermehrt wurde, wurde während des Dreißigjährigen Krieges 1632 wiederum fast völlig zerstört.

Der Bestand der Bibliothek wurde durch die Übernahme von Beständen der Klosterbibliothek Walkenried und anderer Privatbibliotheken erweitert. Auch Schenkungen der Herzöge, des Adels und begüterter Bürger trugen zum Wachstum bei. Schließlich hatten die Kollegiaten selbst einen kleinen finanziellen Beitrag zu leisten. Um 1810, als das Predigerseminar unter westfälisch-napoleonischer Vorherrschaft aufgehoben war, bestand die dadurch heimatlos gewordene Bibliothek aus ca. 3000 Bänden. Der Bestand wurde auf verschiedene Bibliotheken verteilt, z.B. gingen vor allem ältere Werke an die Universitätsbibliothek Göttingen, ein Großteil wurde dem Collegium Carolinum (Vorläufer der heutigen Technischen Universität Braunschweig) zugewiesen.

Nach der Wiedererrichtung des Predigerseminars in Wolfenbüttel im Jahre 1836 wurden die Bestände großenteils wieder zusammengeführt und gemeinsam mit der Sammlung der General-Inspection Wolfenbüttel dort neu aufgestellt. Ein Teil der Bestände kam als Depositum in die Herzogliche Bibliothek, die heutige Herzog August Bibliothek. 1920 war der Bestand auf etwa 12.000 Bände angewachsen. Ein Umzug des Predigerseminars innerhalb Wolfenbüttels und Auseinandersetzungen mit der Herzoglichen Bibliothek in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts um das Depositum bewirkten eine neuerliche Aufteilung des Bestandes, wovon ein Teil in die Stadtbibliothek Braunschweig, ein anderer in die Hauptkirche in Wolfenbüttel ausgelagert wurden, wo sie den Zweiten Weltkrieg fast unbeschadet überstanden (ein Teil des Bestandes, der an anderen Orten in Wolfenbüttel, wie z.B. im Herzoglichen Schloss, untergebracht waren, erlitt allerdings erhebliche Schäden). Ende der fünfziger Jahre baten sowohl die Hauptkirche in Wolfenbüttel wie auch die Stadtbibliothek in Braunschweig das Landeskirchenamt um Rücknahme der Bücher. Da das Predigerseminar nach dem Krieg 1952 in Braunschweig am ehemaligen Brüdernkloster neu eröffnet wurde, wurden auch die vereinzelten Bestände der Predigerseminar-Bibliothek dort wieder zusammengeführt. Der Präsenzbestand wurde in den Räumen des Predigerseminars in der Schützenstraße aufgestellt. Der Altbestand kam 1963 in Magazinräume des wiederhergestellten Nachbargebäudes Alter Zeughof. Fünfzig Jahre später, im August 2002, konnte das Predigerseminar die ehemals vom Landeskirchlichen Archiv genutzten Räume im Gebäude Alter Zeughof beziehen. Dadurch konnte der Freihandbereich sowohl erweitert als auch direkt mit dem Magazinbestand verbunden werden. Somit hat das Predigerseminar einen modernen Tagungstrakt hinzugewonnen, der mit attraktiven Seminarräumen und einer gut sortierten Bibliothek ausgestattet ist. Das Gros des Bestandes wurde elektronisch katalogisiert, wird durch ein modernes Bibliotheks-Management-System verwaltet und ist über die Homepage des Predigerseminars im Internet einsehbar. Die Lesesäle bieten acht Arbeitsplätze für Recherche und Textverarbeitung mit Internetzugang und Verbindung zu anderen Bibliotheken.

2. Bestand

Die Bibliothek des Predigerseminars umfasst mit ca. 60.000 Bänden den größten Teil der Bibliothek der Landeskirche; daneben gibt es die Bibliothek im Amt für Religionspädagogik auf dem Kirchencampus mit ca. 30.000 Medieneinheiten vorwiegend religionspädagogischen Inhalts. Den ältesten Teil des Bestandes bildet die so genannte „Riddagshäuser Klosterbibliothek" mit ca. 4.200 Bänden. Neben vier mittelalterlichen Handschriften sind besonders einige Handschriftenfragmente mit Gedichten von Walter von der Vogelweide aus dem 13./14. Jh. zu erwähnen, die aus Sicherheitsgründen im Archiv der Landeskirche verwahrt werden, aber Teil der Bibliothek der Landeskirche sind. Es existieren weiterhin 43, zum Teil mit Holzschnitten versehene Inkunabeln, darunter Werke des antiken Dichters Terenz, den auch Luther las und schätzte. Der größte Teil der Schriften stammt aus dem 16.-18. Jahrhundert, darunter 163 Lutherdrucke aus dem 16. Jahrhundert, eine von Johannes Bugenhagen edierte niederdeutsche Bibel und die Deutsche Evangelische Messe von Thomas Müntzer, von der weltweit nur vier Exemplare erfasst sein sollen. Das 19. Jahrhundert ist mit ca. 8.600 Bänden aus den Bereichen Systematische und Praktische Theologie sowie Kirchengeschichte vertreten. Im neueren Bestand dominieren die Bereiche Praktische Theologie, vor allem Predigtliteratur, biblische Wissenschaften und Exegese, Dogmatik und Ethik. Bei der Kirchengeschichte liegt der Schwerpunkt auf der Niedersächsischen und Braunschweiger Kirchengeschichte. Kontinuierlich erweitert wurden auch die Bereiche Ökumene, Mission und Kirchenrecht sowie einige wesentliche Nachbarwissenschaften wie die Religionswissenschaft, Philosophie, Geschichte, Kunst und Kommunikationswissenschaften. Der größte Teil des Bestandes ist nach dem Umzug nunmehr im Freihandbereich aufgestellt und somit zum ersten Mal allen interessierten Nutzern zugänglich. Die im Freihandbereich aufgestellte neuere Literatur (rund 16.000 Bände) soll innerhalb der nächsten 10 Jahre verdoppelt werden. Zur aktuellen Information insbesondere über die wissenschaftliche theologische und philosophische Diskussion sowie das aktuelle kirchliche und kirchenpolitische Zeitgeschehen werden 85 Zeitschriften geführt.

3. Sondersammlungen

Neben der „Riddagshäuser Klosterbibliothek" sind in den vergangenen zwanzig Jahren einige Sammlungen übernommen worden, wie z.B. „Dienst an Israel" und „Sekten- und Weltanschauungsliteratur". Von besonderem Wert sind die Bestände der ehemaligen „Stiftsbibliothek Gandersheim", die 1993 aufgrund unzureichender Unterbringungsmöglichkeiten an der Stiftskirche als Depositum nach Braunschweig kamen. Sie haben den Charakter einer ehemaligen Fürstenbibliothek, die am Reichsstift Gandersheim das Weltgeschehen kommentierte und umfassen ca. 1.800 Bände, die großenteils kostbar eingebunden und vielfach mit Kupferstichen illustriert sind. Dass Bildung stets zugleich Herzensbildung ist und die großen europäischen Denker oftmals von einer elementaren Frömmigkeit bestimmt waren, die den Bezug zu den Traditionen ihrer Herkunft, ihrer Sprache und Konfession nicht preisgab, belegt auch die von Prof. Daum und seiner Ehefrau Hella Daum zusammengetragene Sammlung christlicher Erbauungsliteratur. Sie stellt die neueste Erwerbung historischer Literatur im Predigerseminar dar und hat neben der umfangreichen historischen Gesangbuchsammlung einen würdigen Platz gefunden. Professor Dr. Josef Daum, früherer Direktor der TU-Bibliothek in Braunschweig und seine Gattin, die Buchrestauratorin Hella Daum, trugen in mehreren Jahrzehnten rund 220 Gesang- und Erbauungsbüchern aus vier Jahrhunderten evangelischer wie katholischer Provenienz zusammen. Diese vermitteln einen breit gefächerten Eindruck der europäischen Volksfrömmigkeit aus fünf Jahrhunderten. Besonderes Augenmerk legten die Sammler auf die Buchkunst. Somit stellt die „Sammlung Daum" nicht nur eine bedeutende Quelle der christlichen Frömmigkeitsgeschichte dar, sondern ist zugleich ein eindrucksvoller Spiegel europäischer Buchkunst in ihrer anspruchsvollsten Form. Wir freuen uns darüber, dass diese wertvolle Sammlung mit Unterstützung der Stiftung NordLB / Öffentliche Versicherung, des Vereinigten Braunschweigischen Kloster- und Studienfonds und der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in unserer Region gehalten werden konnte.

4. Perspektiven

Primäre Aufgabe der Bibliothek bleibt es, die Ausbildung der Vikarinnen und Vikare ausreichend und umfassend mit aktueller theologischer Literatur zu versorgen und zu begleiten. Hier liegt ihre ausbaufähige Kernkompetenz. Sammelschwerpunkt sind deshalb alle Fachbereiche der Praktischen Theologie. Dies macht die Bibliothek zur Referenzbibliothek für Theologen und Religionspädagogen der Region auf fast allen fachspezifischen Fortbildungsfeldern. Das kommt der begonnenen Verzahnung der theologischen Aus- und Fortbildung am Predigerseminar sehr entgegen. Auch Schüler der Sekundarstufen an Gymnasien im Fach Religion könnten noch stärker von den Möglichkeiten Gebrauch machen. Die Bibliothek des Predigerseminars und der Landeskirche präsentiert an einem zentralen Ort der Stadt und Region Braunschweiger Kirchen- und Landesgeschichte und verweist zugleich auf die geistesgeschichtlichen Strömungen, von denen unsere Region beeinflusst und befruchtet wurde und nach wie vor wird. Sie ist damit Teil des historischen Gedächtnisses unserer Region und Schnittpunkt von geistigen und geistlichen Suchbewegungen unserer Zeit. Der große Leseraum der Bibliothek wird deshalb zugleich für Veranstaltungen des Ev. Klosterforum für Ethik und Kultur genutzt, das künftig in Verbindung mit dem Predigerseminar und in Kooperation mit der Ev.-luth. Propstei Diskussions- und Podiumsveranstaltungen zu aktuellen Themen und kulturelle Events in den Räumen des ehemaligen Brüdernklosters anbieten wird. Als Bibliothek der Landeskirche wird im gesamten Spektrum der Theologie und ihrer verwandten Geisteswissenschaften gesammelt. Daneben sollen bei Neuanschaffungen Akzente insbesondere in den Bereichen Ethik, Spiritualität und neue Literatur gesetzt werden. Damit wird angestrebt, dass die Bibliothek auch bei denen Interesse weckt, die sich über lebens- und religionskundliche, ethische, gesellschaftliche und spirituelle Zusammenhänge bilden wollen. Das Konzept der Bibliothek heißt Öffnung zur Stadt und Region hin bei gleichzeitiger Differenzierung des Sammelprofils. Es gilt, ein Angebot für nicht ausschließlich professionelle Nutzer zu schaffen, das sich ergänzend und erweiternd in das breite Spektrum der hiesigen Bibliotheken verschiedener Form und Funktion einreiht.